Dienstag, 15. Oktober 2019
Freundesfreunde

TORBEN, KAI und DENNIS haben mittleres Alter, was auch immer das nun wieder heißen soll.
Als Ort stelle ich mir irgendeinen Kulturtempel vor, zum Beispiel eine Kunstgalerie, ein Symphonie-Konzert oder ein Schauspiel im Theater. Wichtig ist, dass andere von ihrem Gespräch gestört werden.
Sie sprechen allerdings bloß halblaut, bemühen sich also hörbar darum, unter sich zu bleiben, treffen aber genau diejenige zischelnde Tuschellautstärke, die unmöglich ignoriert werden kann.


TORBEN: War ganz gut.
KAI: Was jetzt, der Film? Das Date?
DENNIS: Der Fick?
TORBEN: Was fürn Fick, du Vogel, geht doch gerade nicht. Und war außerdem das erste Treffen.
DENNIS: Ah.
KAI: Ah.
DENNIS: Also nur blasen.
TORBEN: Ja.
KAI: Blick nicht mehr durch. Erstes Treffen. Hast du nicht letzte Woche schonmal von nem Date erzählt.
DENNIS: Das warn anderer. Dingens. Sag schnell. Kevin.
TORBEN: Nein, Kevin ist lange vorbei. Robin war das.
KAI: Ah.
DENNIS: Ah.
KAI: Kevin datet wieder?
TORBEN: Nein. Also, keine Ahnung. Robin war das.
DENNIS: Stimmt. Robin. Der hat so 'ne Krümmung am Schwanz. Sieht hässlich aus, hat aber Vorteile.
TORBEN: Robin hat keine Krümmung.
DENNIS: Dohoch. Ganz vorne steht die Eichel im rechten Winkel nach oben. Wie der Kopf von einer Kobra.
TORBEN: Ne, hat der nicht. Ich hab'n Foto, warte. Guck.
DENNIS: Ah. Ja. Stimmt. Der war das.

Pause

KAI: Ich bin das mit der Krümmung.
DENNIS: Echt?
TORBEN: Stimmt! Kai hat so 'ne Krümmung!
DENNIS: Echt, jetzt?
KAI: Ja, du meinst mich.
TORBEN: Wie bei ner Kobra. Stimmt.
DENNIS: Echt, das warst du?
KAI: Ja. Hässlich also. Danke auch.
TORBEN: Ihr hattet also auch was?
KAI: Ewig her.
DENNIS: Halbes Jahr.
TORBEN: Ah.
KAI: 6 Wochen.
DENNIS: Krass. Hätte schwören können, das war Robin.

Pause

KAI: Mit dir und Kevin lief mal was?
TORBEN: Ganz kurz.
KAI: Na super.
TORBEN: Kurz.
KAI: Mit meinem Ex Kevin?
DENNIS: Dein Ex? Wann war das denn bitte?
KAI: Halt dich da mal raus jetzt.
TORBEN: Weiß nicht. Dein Ex? Keine Ahnung Ging nur kurz.
DENNIS: Wusste nichtmal, dass Herr Kai Beziehung überhaupt macht.
KAI: Halt doch mal die Klappe jetzt.
TORBEN: Der hat mich unter der Dusche angepisst, war mir zu krass.
KAI: (ein bisschen zu laut) Kevin hat dich ange…
STIMME: Psssst
TORBEN: (wieder leise) Ja. Volle Lotte. Ich wasch mir so die Haare und auf einmal grinst er mich so total stumpf an. Irgendwie stolz. Als ob er was gewonnen hätte.
DENNIS: Und du guckst an ihm runter und sein Ding steht auf Halbmast und pisst dir an den Bauch.
TORBEN: Ja, haha, genau so!
DENNIS: Ja, steht der drauf.
KAI: Momentmal.
DENNIS: Und spritzt ja auch in alle Winde, die Lulu, wegen dem Ring da unten.
KAI: Ring? Piercing? Leute, ihr meint Kevin Sonnenberg. Ich war mit Kevin Frick zusammen.
DENNIS: Ah.
TORBEN: Ah.
KAI: Man, hatte den Schock meines Lebens!

Pause

DENNIS: Ich fands eigentlich ganz geil mit dem Anpissen. Mal was anderes.
KAI: Der Sonnenberg wollte mich aber nicht anstrullern.
TORBEN: Weil du so ein Mauerblümchen bist.
KAI: Oder wegen meiner hässlichen Kobra, was?
DENNIS: Das warst echt du? So krass.
KAI: Ex-Freunde sind tabu. Da sind wir uns schon einig, ja?
DENNIS: Ja.
TORBEN: Sowieso. Mit dem Frick? Echt? Der ist mir inzwischen ja auch zu fett.
KAI: Der nimmt Cortison. Das sind Wassereinlagerungen.
TORBEN: Na ab und an mal aufs Laufband kann er ja trotzdem.

Pause

DENNIS: Was isn jetzt mit deinem Typen? Seht ihr euch wieder?
TORBEN: Ne, hab die Nummer schon gelöscht.
KAI: Dachte war gut?
TORBEN: Beim zweiten Mal wird der ficken wollen und ich hab noch ne Woche Analsperre wegen der Salbe.
DENNIS: Ah.
KAI: Ah.

Pause

KAI: Findest schon noch den richtigen. Andere Mütter haben auch schöne Söhne.
TORBEN: Ja. Doofes Timing, einfach.
DENNIS: Und andere Söhne haben auch schöne Schwänze.
TORBEN: Ja.
KAI: Ja. Für jeden Topf...
TORBEN: Ja. Ist nur schwer, weil ja keiner mehr irgendwie in sowas investieren will.
KAI: Ja. Immer nur ficken und der Nächste bitte.
DENNIS: Schlimm.
KAI: Ja.
TORBEN: Ja. Schlimm.



Montag, 14. Oktober 2019
Knöpfe, Teil 4

Was bisher geschah:
Teil 1
Teil 2
Teil 3

Vielleicht war es die trügerische Bürgschaft der Masse, etwas zu tun, das alle anderen auch taten, die Sicherheit versprach. Sie alle waren Deutschland, Deutschland war Weltmeister (und Papst!), und die deutsche Bildungselite war StudiVZ.
Vielleicht aber war auch das Gegenteil der Fall und die große Nation zerfiel im neuen, im gelobten Land in viele Enklaven trauten Sicherheitsgefühls: Schließlich war es (noch!) nicht Deutschland, (noch!) nicht die Nationalelf und auch (noch?) nicht der Papst, mit denen man seine virtuelle Insel bevölkerte. Es galoppierten und hopsten durch den Sand dort auch nicht die Fabelwesen der alten Portale mit ihren klangvollen Namen wie lederhengst63 oder XxkuschelhasixX, hinter jedem derer sich der Herr der Fliegen persönlich hätte verbergen können.
Man kannte einander, zumindest mit den Augen, und zwar aus dem sogenannten Real Life, dem echten Leben, jenem bewährten Garant für schadloses Beisammensein seit Kain und Abel. Nie zuvor, befeuerte der Anwender die eigene Begeisterung, waren das virtuelle und das physische Leben so innig spürbar verbrüdert gewesen, fast wollte man von einem Zwilling sprechen. Dem Eskapismus der Verlierer mochte das Web lange schon ein Hafen gewesen sein, nun sollten die Gewinner einziehen und die Nativen, wenn es denn sein musste, vertreiben, mit Realismus in sRGB, denn zu fliehen hatte man nichts, zu fürchten wenig. Die Realität war erste Sahne und eine zweite im Netz sollte die Kirsche darauf werden. Zumal der liebe Vati ja auch ein Haus in Gütersloh und noch eins auf Sardinien sein Eigen nannte. Irgendeinem Genie, zweifellos einem Akademiker, war es tatsächlich gelungen, die Wirklichkeit mit sich selbst zu multiplizieren, und die Realität 2.0 würde Freundschaften wie bei Friends, Sex wie bei Siffredi und Liebe endlich wie bei Disney sein lassen.
Doch war das soziale Netzwerk nicht wie Sardinien irgendwann durch die Feiertagslaune einer Kontinentalplatte von Frankreich losgerissen und ins Meer getragen worden. Irgendjemand hatte es in bester Absicht erschaffen, aus Einsen und Nullen, und wo gehobelt wird, da fallen Späne. Kann man jederzeit Gott fragen, falls heutzutage noch irgendjemand mit dem spricht, denn mit unwillkommenen Nebenprodukten in Schöpfungsprozessen kennt der sich aus. Sechs Tage lang hatte er sich im Schweiße seines Angesichts eine Welt zusammengezimmert, heiter über die Urmasse geisternd wie ein Fünfjähriger über einer Kiste Lego Technik, und als das Machwerk am sechsten Tage endlich vollendet vor ihm gestanden hatte, zischte da auf einmal das Böse in der phallischen Form einer Schlange zwischen den Bauklötzen herum und warb ihm seine Leute ab. Weiß der bis heute nicht, wo das auf einmal hergekommen war. Vielleicht hatte er bei einem der Männchen das Fortpflanzungsorgan nicht ordentlich festgesteckt, und das hatte sich nun selbstständig gemacht, um mal die liebe Misandrie theoretisch zu bemühen. An der Servicehotline jedenfalls hatte man bloß wissen wollen, ob er schon versucht hätte, “es einfach mal aus- und wieder anzuschalten”. Hatte er, Sintflut, nichts genützt, was soll's.
Zurück zum World Wide Web: Auch im schönen neuen Paradies des sozialen Netzwerks tauchte ein unvorhergesehener Widersacher auf, ein Parasit, hungrig und geduldig. Auch hier brachte Aus- und Anschalten nicht das versprochene Ergebnis, der lauerte einfach wacker weiter. Lange hatte es nicht gedauert, bis die ersten Tölpel die fetten Beeren gekostet hatten, auf denen er gehockt und harrend ins salzige Wasser gestarrt hatte, dass sie kommen. Das Glück war ihm hold gewesen, vielleicht, als sein erster Wirt ausgerechnet der Verstand derjenigen war, die seine Verbreitung einzudämmen im Stande gewesen wären. Aber sie hatten nicht lernen wollen sich zu schützen, und gingen vor ihm in die Knie wie die Pokanoket vor den Pocken. Im selben Jahr noch verkaufte ein Mann namens Steve Jobs den Besserverdienern ein mobiles Endgerät, mit denen sie ihre Insel im Internet stets in der Tasche spazieren führen würden und, es starrte der Schmarotzer im Verstand aus den Augen der Käufer, auch wollten, auch taten. Immer mehr Nutzer sollten in den Jahren, die kamen, befallen werden und die sozialen Netzwerke, schließlich soziale Medien, würden sich verbreiten wie eine Epidemie. Das Zeitalter der Gleichzeitigkeit würde anbrechen, in dem man mit den einen an dem einen Ort war, gleichzeitig mit dem Parasit hinter den Augen und den Augen auf dem Display aber mit anderen woanders. Unentdeckte Inseln würden bald auch den zuvor abgehängten Pöbel, Lageristen inbegriffen, in die schöne neue Welt locken, in der täglich neue Welten erschlossen wurden und alte mit ihren Bewohnern im Meer versanken. Und der Parasit würde sich fett fressen und die Köpfe zuscheißen mit seinen klebrigen Ausscheidungen. Die Hälse würden ihnen zuwuchern, sodass keine Sprache mehr hindurchpassen würde, die mehr umfasste als 280 Zeichen. Sie würden die Sprache nicht vermissen und sich über Bilder und Zeichen verständigen wie damals in der Höhle. Sie würden jagen und sammeln, die einen virtuelle Taschenmonster, die anderen Geschlechtskrankheiten. Und würde einer sagen: “Scheiße, hab Chlamydien”, würde niemand vom Display aufsehen, aber einer entgegnen: “Cool, hab gestern auch endlich ein Glumanda gefangen.” Und dann würden sie weiter Bilder von sich erstellen, wo immer sie sitzen, stehen und liegen würden, Bilder von Essen, dass sie kaufen würden und nicht schlucken könnten, weil der Rachen zu eng geworden sein würde, Bilder ihrer Genitalien und Ausscheidungen. Würden Zeichen versenden, die lachende und weinende Gesichter zeigten, selbst, wenn ihre Gesichter nicht mehr weinen und lachen könnten, denn ihre Wangen würden an den Zungenkanten kleben, sodass die Lippen bizarr hervorstehen und ihnen den Ausdruck einer Ente verleihen würden. Bald würden diese Entenmenschen immer überall und niemals irgendwo sein. Der Knopf, der die Meldungen brachte, der die Zahlen und den Input lieferte, würde den Verstand ersetzen, und jeder Reload würde dem Organismus ein Atemzug sein.
Man sollte selbst zu Zahlen werden wie die vielen Inseln, auf denen man gleichzeitig wohnte, sollte Einsen und Nullen werden, zu einer Summe von Likes, Followern und Retweets, und wer das Soll nicht erfüllte, der wäre ein Nichts, zwei Nichts oder unendlich viele Nichts, schon bald.
Aber Momentchenmal, was sollen denn die Spoiler ohne ordnungsgemäßen Warnhinweis? Noch war es ja gar nicht so weit. Noch war 2007 und die Welt noch in Ordnung, wenn man von Britneys Unfall mit dem Haarschneidemaschinchen einmal absah. Noch klappte man den Laptop einfach zu, wenn man meinte, alles gesehen zu haben, und tat mans zu hastig, flogen ein paar Flusen und Krümel harmlos aus dem Tastaturgedärm. Das Leben fand noch zwischen den Reloads statt und bestand genauso aus Prokrastination, einem Sammelbegriff, der eigens für die Zerstreuungen dieser Zeit erfunden worden war. Manchmal besuchte man Vorlesungen, manchmal nicht, und wenn man das Gefühl hatte, dem Sitzfleisch eine Pause gönnen zu müssen von dem zermürbenden Alltag auf Sesseln und Seminarraumbestuhlung, begab man sich zum Beispiel auf eine Studienfahrt auf die britische Insel, um auf den Spuren der angelsächsischen Dichtkunst zu wandeln und das Internet einmal für ein paar Tage unbeachtet vor sich hin gären zu lassen. Denn auch das ging damals noch, ohne dass man sich mit spitzen Nägeln die Haut von den Unterarmen schabte. Die Insel sollte es also sein, dieses sonderbare Schlaraffenland, in dem Fudge an den Fingern klebte, Cider durch die Bachbetten floss und gebratene Tauben, naja. Die flogen da zwar nicht herum, aber vom Himmel fielen immerhin welche, dort, leider nicht verzehrfertig.

Fortsetzung folgt.



Sonntag, 13. Oktober 2019
Knöpfe, Teil 3

Was bisher geschah:
Teil 1
Teil 2

Ach, übrigens!
Es war das Jahr vor der Machtergreifung Zuckerbergs in der BRD, bloß sah die noch keiner kommen. Mutti, wie man so schön sagt, war (wirklich!) schon im Amt, wie man so schön sagt, und das Internet, das war (wirklich!) noch Neuland, wie man. Naja, egal.
In diesem Neuland lolte und roflte es sich seinerzeit noch unironisch, und der Bildungselite hatte man, jedoch nicht zu diesem Zwecke, ein Domizil aus H, T, M und L gebaut, irreführend StudiVZ geheißen, wenngleich ein aufrechter Werber es als "Facebook in deutsch und placentafarben" hätte feilbieten müssen, darunter kleingedruckt: "Nur für Studenten, sorry".
In ihrem virtuellen Asyl waren die aufstrebenden Sterne am Akademikerhimmel endlich auch von zu Hause aus nur noch unter ihresgleichen (und Etikettenschwindlern). Hier war die Filterblase intakt, hier gab es bloß schwarz, und weiß war irgendwo da draußen. Nicht, dass damals irgendjemand etwas gegen Grauzonen gehabt hätte, aber doch bitte nur auf den Webseiten illegaler Streamingdienstanbieter und nicht hier, in der wonnigen Kinderstube der social Networks. Die soziale Schere (Heterogenität im schulischen Alltag, Dienstag, 10-12 Uhr ct) mochte mahnend klaffen, und natürlich wollte der Großverdiener von Morgen auch in aller Entschiedenheit dagegen andichten und -denken (Ethische Diskursanalyse, zweiwöchentlich Donnerstag, 14-16 Uhr st), doch brauchen soziale Gruppen schon auch ihre Schutzräume (Einführung in die Soziologie, Montag, 8-10 ct). Und wenn der Pöbel da plötzlich kontaminierend Einzug erhält, wird aus dem schönen Neuland, oh Schreck, am Ende noch ein Super-Gauland, nein danke. Sollten die Schulabbrecher und Billiglöhner doch Kuchen essen, wenn sie kein Brot hatten, und sich ihr eigenes soziales Netzwerk scripten lassen. Mit einem eigenen schmissigen Namen, zum Beispiel wer-kennt-wen, fiesgrins!
Obendrein war dieser virtuelle Campus auch dem Arterhalt des Bildungsbürgertums als prokreative Fundgrube errichtet worden, und da war eine sorgfältige Auslese unabdinglich. Man wollte den Triumphzug der künftigen Lendenfrucht schließlich nicht durch die saure Erbmasse eines einfachen Lageristen gefährdet wissen. Der vorausschauende Kopfarbeiter jedoch konnte dem VZ sei Dank in einem simplen dreischrittigen Verfahren potentes Genmaterial erster Güte abernten. Den zugehörigen Organismus erspähte man müden Auges in einer Vorlesung, prüfte online Kompatibilität von Interessen und Sozialgefüge sowie voraussichtliche Liquidität bei erfolgreichem Abschluss des angestrebten Bildungsziels und pflückte eine Hand voll kühner Aufhänger für trunkenen Smalltalk vom Wühltisch der dargebotenen Profilinformationen. Sollte man einander dann auf einer Wohnheimsparty begegnen, war der Einstieg somit pfleglich vorbereitet: Verrückt, du bist auch in der Gruppe "Eimer - Warum sie unten zu sind"? Zack, schwanger.
Zugegeben, aller Hermetik zum Trotze war auch im VZ nicht alles eitel Sonnenschein: Erste Gehversuche im professionalisierten Internetstalking und sexuelle Belästigung gab es, gewiss, auch vereinzelt unter jenen kultivierten Pilgern im Neuland, aber wo gehobelt wird, lol, da fallen freilich auch Späne, rofl. Sollte wer mit dem eigenwilligen Gedanken gespielt haben, zwischen Bachelor und Master ein Sabbatjahr als Triebtäter einzulegen, hätte das VZ ihm ein Quellekatalog sein können, in dem es sich “Die wollen es ja nicht anders” lallend gewinnbringend blättern ließ. Wenn man das degenerierte Hirn einer Dachechse besaß und der Patriarchenpapa für das Abitur bezahlt hatte. Das generische Maskulinum wird hier übrigens in voller Absicht verwendet. “Die wollen es ja nicht anders”, also. Warum sonst sollten die sich auch wie Dirnen auf ihren Urlaubsfotos im Album "Arenal" ahlen, warum sonst standen die dort überhaupt zur Verfügung, mit ihrem waschechten (ha!) Vornamen, dem waschechten (ha!) Nachnamen und hießen nicht "Sven Ja" oder "Der Dude" wie jeder, dem die Unversehrtheit der Privatsphäre so teuer war wie die der Regelstudienzeit. Und warum sonst korrespondierten die nicht verschlüsselt über E-Mail, sondern ausgerechnet auf öffentlichen Pinnwänden: "Treffen uns um 21 Uhr am Kino, warte draußen." Vollpfosten.
Man vertraute dem Netzwerk, vertaute sich ihm an. Zwar hatte man spätestens an der Hochschule gelernt, dass auch im Internet nicht alles Gold ist, das glänzt, zum Beispiel nicht alles Frau, das um die freundliche Zusendung von Nacktfotos bittet, zum Beispiel nicht alles Liebesbrief, das im Yahoo-Posteingang “I love you” verspricht. Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste, erst recht, wenn die Kiste aus dem Hause Toshiba stammte. Aber das hier war nicht Knuddels, nicht ICQ, das hier war Neuland, und dem Neuland schoss man ein Quäntchen Vertrauen vor.
Die vielen Gesichter des Teufels inner- und außerhalb des World Wide Web waren bekannt, und seine Namen hatte die Elite längst buchstabieren gelernt, alQaida zuerst und Přiklopil danach. Zuletzt irgendwie auch Eva Herman, der gefallene Engel, mit einem r und einem n, wie in der Mitte bei Kerner. Solange jedoch sich keiner dieser Endgegner in einem Bekennerschreiben als Kopf hinter der neuen Sache StudiVZ zu erkennen gab, solange noch keiner ernsthaft zu Schaden gekommen war, solange zumindest wollte man hier ungeniert die Hosen herunter lassen dürfen.

Fortsetzung: Teil 4